Welcome To Karastan // Interview

WAHRE BEGEBENHEITEN ...

INTERVIEW MIT BEN HOPKINS

Sie haben das Drehbuch mit Pawel Pawlikowski geschrieben – wie ist es dazu gekommen? Wie entstand die Idee zu diesem Film?

Vor der Arbeit an WELCOME TO KARASTAN sind Pawel und ich uns ein paarmal eher zufällig über den Weg gelaufen. Es gibt einiges, was uns verbindet: Wir haben beide Germanistik in Oxford studiert und sind später Filmemacher geworden, wir sind beide viel in der Welt unterwegs, wir machen beide sowohl Dokumentarfilme als auch Spielfilme. Und wir lieben das Kino, finden aber die Welt, die sich um die Kunst des Kinos entwickelt hat, ein bisschen verwirrend: Wie-man-ein-Drehbuch-schreibt-Ratgeber, formelhafte Dramaturgie-Regeln, Sponsoring, Publicity und die ständige vertrackte Politik des – ich sage das besser auf englisch: „Arse-licking and Back-stabbing“ im Filmgeschäft. Diese Zweifel beziehen sich manchmal auch auf das Filmemachen selbst: Es kommt uns zum Beispiel ziemlich absurd vor, eine Straße abzusperren und damit vielen Leuten Ungelegenheiten zu bereiten, damit wir auf der Straße filmen können … Kurz gesagt, wir lieben das Kino, wundern uns aber manchmal, was wir da als Filmemacher gerade tun.

2009 haben wir uns dann auf dem Festival du film britannique in Dinard getroffen und uns anschließend DVDs von unseren Filmen geschickt, die wir noch nicht von einander kannten. Nachdem Pawel meinen Film PAZAR gesehen hatte, hat er mich kontaktiert und mir vorgeschlagen, mit ihm das Drehbuch von WELCOME TO KARASTAN zu schreiben. Die grunsätzliche Geschichte der ersten 60 Minuten hatte er da schon, aber die Details und das Ende noch nicht. Wir haben uns dann immer wieder getroffen, in Lodz, in Oxford, in London und Istanbul, um uns über unsere Erlebnisse auszutauschen: Was mir beim Filmdreh in Afghanistan oder der Motivsuche in Kazakhstan geschehen ist, was Pawel bei seinen Filmen über Karadic und Zhirinovsky über die Möchtegerndiktatoren des Ostens gelernt hatte …

Obwohl die Geschichte von WELCOME TO KARASTAN im wesentlichen absurd und fiktional ist, haben wir beim Schreiben versucht, nur wirkliche Begebenheiten, die uns tatsächlich geschehen sind, zu verwenden. D.h. die einzelnen Szenen sind im Grunde „realistisch“ und basieren „auf wahren Begebenheiten“, aber alles zusammen ergibt eine absurde und komische Geschichte.

Der Film handelt auch vom frühem Erfolg als Fimemacher und den Schwierigkeiten, die sich danach auftun. Welche eigene Erfahrungen stecken da drin?

Ouch … Pawel hat mit LAST RESORT und MY SUMMER OF LOVE zwei sehr erfolgreiche Filme gemacht – und danach fast 10 Jahre lang keinen neuen Film mehr. Ich habe mit 27 Jahren meinen Erstlingsfilm SIMON MAGUS mit einem Budegt von 4 Mio. Pfund gedreht, direkt danach TOMAS KATZ – und dann zwischen 1999 und 2005 nur einen 40minütigen-Dokumentarfilm, während drei Spielfilmprojekte kurz vor Drehreife dann doch nicht zustande kamen. Wie gesagt, der Film basiert „auf wahren Begebenheiten“…

Wie haben Sie Ihre Hauptdarsteller gefunden, allen voran Matthew MacFadyen und MyAnna Buring? Wie war die Arbeit mit ihnen?

Ich habe eine Liste von Schauspielern, mit denen ich gerne arbeiten will. Wenn ich eine besonders gute Performance in einem Film oder Theaterstück sehe, notiere ich mir den Namen … Matthew Macfadyen hatte ich in MY FATHER’S DEN gesehen, und MyAnna in KILL LIST. Danach ging alles auf traditionelle britische Weise: Ich habe ihnen das Drehbuch über ihre Agentur geschickt, wir haben uns getroffen, einen Tee getrunken und über den Film geplaudert, und dann war es abgemacht.

Die Besetzung ist wahrscheinlich das Wichtigste, was ein Regisseur macht. Mit den richtigen Schauspielern ist der Kampf schon halbwegs gewonnen, besonders mit so professionellen und begabten britischen Schauspielern wie Matthew und MyAnna: Sie bereiten sich gründlich vor, sie kommen pünktlich ans Set, machen ihre Arbeit sehr präzise und geraten nicht in Verzweiflung, wenn mal etwas mal schiefgeht. Sie versuchen es dann eben noch einmal. Mit solchen Schauspielern muss man eigentlich nicht viel mehr machen, als vor dem Dreh mit ihnen eingehend über die Geschichte und die Rolle sprechen, damit klar ist, dass Regisseur und Schauspieler grundsätzlich das gleiche Verständnis davon haben. Und dann muss man sie einfach arbeiten lassen.

Mit dem ersten oder zweiten Take hatten sie dann meistens schon „richtig“ gemacht – das erlaubt es mir als Regisseur, ein paar zusätzliche Takes zu machen, um etwas ausprobieren zu können, verschiedene Farben und Töne, Variationen, auf Details und Feinheiten zu achten. Das ist der Moment, wo es dann wirklich schön wird.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Dreh in Georgien gemacht?

Wir haben sechs Wochen in Georgien gedreht und eine Woche in Frankfurt, und es war, alles in allem, harte Arbeit … Ich wünsche mir bei Dreharbeiten immer, dass ich am Ende jede Menge komische Anekdoten zu erzählen habe. Aber normalerweise ist es so, dass ich sehr früh aufstehe und zur Arbeit gehe, drehe, dann in den Schneideraum, um mit meinem Cutter darüber zu sprechen, wie die Muster des Vortages waren, wobei ich etwas esse und trinke, um schließlich zuhause noch einen Glas Wein zu trinken und vielleicht noch eine Folge von THE SOPRANOS zusehen. Dann schlafe ich ein, bis der Wecker früh morgens ...

Natürlich gab es auch absurde Erlebnisse, zum Beispiel anderthalb Stunden mit dem Kamerateam im Wind auf einem Berg auf die Komparsen zu warten und dann, wenn sie endlich ankommen, festzustellen, dass sie alle die falschen Kostüme tragen… Was wirklich bemerkenswert war, waren die Feste mit den Georgiern am Ende der Drehwoche. Sie trinken wie die Teufel und singen wie Engel. Ich glaube, Shostakovich hat einmal das georgische Singen als „achtes Weltwunder“ beschrieben. Schönere Musik gibt es nicht auf Erden.

Wie fiktiv sind das Karastan in Ihrem Film und die Sprache, die seine Bewohner sprechen?

Karastan ist für viele Menschen sehr wirklich. Was einem Westeuropäer als absurd vorkommen mag, ist für jemandem im Kaukasus vielleicht die tägliche Realität. Viele Georgier haben uns gesagt, dass Karastan für sie keine Fiktion sei – vor ein paar Jahren sei Georgien genau so gewesen. Im Grunde ist unser Karastan eine Collage aus meinen und Pawels Erfahrungen in Ländern wie Kasachstan, Afghanistan, Russland oder der Türkei.

„Karastani“ ist eine Sprache, die ich für diesen Film erfunden habe, eine Nonsens-Mischung aus Türkisch, Azeri und Kirgisisch. Ich war beim Schreiben sehr glücklich, dass ich es damals in Oxford geschafft habe, donnerstags so früh aufzustehen, um die Linguistik-Vorlesung zu besuchen, das hat beim Sprachenerfinden doch sehr geholfen ...

Warum haben Sie den Film in Karastan angesiedelt und nicht etwa in London, wo die Macht sitzt – und wo Ihr Film schließlich auch endet?

Die Versuchung, die wir als Filmemacher haben, wenn es nicht so gut läuft, ist immer: „Ich weiß, dass dieses Projekt, dass mir da gerade angeboten wird, ein bisschen heikel ist … Aber es gibt Geld, und meine Karriere kommt wieder in Schwung.“ Pawel und ich haben waren im Laufe der Jahre beide mit fragwürdigen Angeboten konfrontiert, Commercials für Ölkonzerne oder Polizei-Thriller, immer in der Hoffnung, dass uns das helfen würde, später unsere eigenen Projekte verwirklichen zu können … Bis jetzt sind wir der Versuchung noch nicht erlegen. Aber sie ist immer da.

In unserem Film kann Emil dieser Versuchung nicht widerstehen – wobei die dunkle Seite des Angebots, das ihm der zwielichtige Präsident in Karastan macht, offensichtlicher und gefährlicher ist, ein faustischer Moment. Wir hätten ein Film über diese Art der Versuchung auch in London machen können, aber das wäre niemals so bunt, verrückt und wundersam geworden wie diese Geschichte über einen englischen Narren, der in Karastan den Boden unter den Füßen verliert. Die Verbindungen zwischen Film, Propaganda und Macht sind klarer skizziert: „The production of moving images“ entsteht nicht in einem politischen Vakuum, sondern trägt nolens volens zu dem System bei, das sie finanziert und verbreitet. Das „exotische“ Element in der Karstan-Geschichte – das Angebot, ein Nationalepos zu drehen – ist eine Art Überzeichnung der eher banalen Versuchungen, denen Regisseure wie Pawel oder ich ausgesetzt sind.

WELCOME TO KARASTAN spielt mit den Genres, an den Grenzen von Komödie und Drama, mit dem Wechsel vom Absurden und Komischen zum Ernsten und Melancholischem ...

Komödien haben eigentlich immer auch ihre dunklere Seite ... Pawel und ich sind beide, glaube ich, lustige Menschen, aber wir sind auch wehmütige Intellektuelle, die zu viel nachdenken und Nabelschau betreiben. Einige Leute haben sich darüber amüsiert, dass ausgerechnet ich und Pawel eine Komödie schreiben wollten. Ein Freund, der mich gut kennt, hat gesagt: Der Film tut so, als ob er komisch sei, aber eigentlich ist er melancholisch und sogar ein bisschen bitter. Vielleicht hat er in gewisser Hinsicht Recht. Ich hoffe, dass der Film eine Komödie geworden ist, die verschiedene Stimmungen und Farben und interessante, ganz unterschiedliche Ideen enthält.

Im Gespräch mit dem Regisseur Emil hält Chulpan ein flammendes Plädoyer für Filme mit einem rätselhaften Ende. Welche Filme kennen Sie, die mit dem Close Up eines Pferdes enden?

Im Moment fallen mir keine ein … Aber es muss welche geben, oder?

 

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